Gendermedizin ist mehr als ein modernes Schlagwort. Sie beschreibt einen wissenschaftlich fundierten Ansatz, der berücksichtigt, dass sich Krankheiten bei Frauen, Männern und Menschen mit unterschiedlichen Geschlechtsidentitäten in Häufigkeit, Symptomen, Verlauf und Therapie unterscheiden können. Über Jahrzehnte hinweg galt in der Medizin der männliche Körper als Norm. Viele klinische Studien wurden überwiegend mit Männern durchgeführt, ihre Ergebnisse anschließend verallgemeinert. Heute ist gut belegt, dass diese einseitige Perspektive zu relevanten Unterschieden in Diagnostik und Behandlung führen kann.
Ein zentrales Beispiel liefern Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Herzinfarkte werden häufig mit plötzlichen, starken Brustschmerzen assoziiert, die in den linken Arm ausstrahlen. Dieses sogenannte “klassische“ Symptomprofil trifft jedoch vor allem auf Männer zu. Frauen berichten bei einem Herzinfarkt häufiger über Luftnot, Übelkeit, Erbrechen, Rückenschmerzen oder eine ausgeprägte Erschöpfung. Diese Symptome sind weniger eindeutig und werden deshalb oft fehlinterpretiert oder verzögert abgeklärt. Studien zeigen, dass Frauen dadurch im Durchschnitt später behandelt werden, was sich negativ auf ihre Prognose auswirken kann.
Auch in der Schmerzmedizin werden geschlechtsspezifische Unterschiede deutlich. Männer suchen bei Schmerzen oft später ärztliche Hilfe, was dazu führen kann, dass Erkrankungen erst in fortgeschrittenen Stadien diagnostiziert werden. Frauen hingegen leiden häufiger unter chronischen Schmerzsyndromen wie Migräne und Fibromyalgie oder auch dem Reizdarmsyndrom. Gleichzeitig werden ihre Schmerzen in medizinischen Gesprächen teils weniger ernst genommen oder schneller als “psychisch bedingt“ eingeordnet. Gendermedizin hilft hier, solche Muster zu erkennen und die Versorgung entsprechend anzupassen.
Ein weiteres anschauliches Beispiel betrifft die Wirkung von Arzneimitteln. Frauen haben im Durchschnitt einen höheren Fettanteil, eine andere Enzymaktivität in der Leber und einen veränderten Hormonhaushalt. Diese Faktoren beeinflussen, wie Medikamente aufgenommen, verteilt und abgebaut werden. So ist etwa bekannt, dass bestimmte Schlaf- und Beruhigungsmittel bei Frauen länger wirken und häufiger zu Nebenwirkungen wie Tagesmüdigkeit führen. Dennoch orientierten sich Dosierungsempfehlungen lange Zeit am männlichen Durchschnittskörper. Erst durch gendermedizinische Forschung wird zunehmend klar, dass eine differenzierte Dosierung die Sicherheit und Wirksamkeit verbessern kann.
Nicht zuletzt spielen auch psychische Erkrankungen eine wichtige Rolle in der Gendermedizin. Depressionen werden bei Frauen häufiger diagnostiziert, während Männer ein deutlich höheres Suizidrisiko aufweisen. Ein Grund dafür liegt unter anderem in unterschiedlichen Ausdrucksformen psychischer Belastung und in gesellschaftlichen Rollenbildern, die beeinflussen, ob und wie Hilfe in Anspruch genommen wird. Gendermedizin berücksichtigt diese sozialen Faktoren und trägt dazu bei, Diagnostik und Prävention zielgerichteter zu gestalten.
Für Sie als Patientin oder Patient bedeutet Gendermedizin vor allem, dass Ihre individuellen Symptome und Lebensumstände ernst genommen werden sollten, auch wenn sie nicht dem “Lehrbuch“ entsprechen. Eine bewusste Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und den eingenommenen Medikamenten kann dabei helfen, Veränderungen frühzeitig zu erkennen. Digitale Anwendungen wie die mediteo-App unterstützen Sie im Alltag, indem sie helfen, den Überblick über Ihre Medikation zu behalten und Informationen verständlich aufzubereiten. So kann gendermedizinisches Wissen ganz praktisch dazu beitragen, Ihre Gesundheitsversorgung sicherer und individueller zu machen.
Quellen
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Robert Koch-Institut (RKI). Gesundheitliche Lage von Frauen und Männern in Deutschland. Beiträge zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Berlin: RKI.
https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/Gender/gender_node.html -
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World Health Organization (WHO). Depression and Other Common Mental Disorders: Global Health Estimates. Geneva: WHO; 2017.
https://www.who.int/publications/i/item/depression-global-health-estimates
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