Meine Depression und ich

Frauke Gonsior
5. Februar 2018
Patientblicke

Als ich im Sommer 2013 die Diagnose „mittelschwere bis schwere Depression“ erhielt, war dies für mich nicht sonderlich überraschend. Vielmehr hatte ich nach den vergangenen Wochen und Monaten fast damit gerechnet. Auch wenn ich vorher nicht genau sagen konnte, was bei mir nicht mehr stimmte, so ergaben die einzelnen Symptome und Veränderungen in meinem Verhalten und meiner Wahrnehmung nach der ausgesprochenen Diagnose plötzlich einen Sinn. Nur war ich mittlerweile an einem Punkt angekommen, wo die Kraft und der Einfluss der Depression auf mich bereits sehr stark waren.

Der erste Schritt ist der schwerste

Ich hatte sehr lange gewartet, bis ich mir Hilfe holte und bei einem Arzt ansprach, dass etwas nicht stimmt. Erst als Suizidgedanken aufkamen, war ich soweit. Damals saß ich heulend und verzweifelt vor dem Arzt, während ich ihm erzählte, wie fertig, abgestumpft und hoffnungslos ich mich seit Wochen fühlte. Die Albträume wurden von Nacht zu Nacht schlimmer, falls ich überhaupt schlafen konnte. Meine Gedanken drehten sich unablässig im Kreis, dazu spielte in meinem Kopf laute Musik. Meine Augen nahmen keine Farben mehr wahr und riechen konnte ich ebenfalls nichts mehr. Mein Herz raste ohne Unterlass. Ich fand einfach keine Ruhe mehr. Meine Muskeln im ganzen Körper waren permanent bis auf´s Äußerste angespannt. Das Atmen fiel mir schwer und ich konnte nur noch sehr flach ein- und ausatmen. Mein Selbsthass wuchs von Tag zu Tag, genauso wie meine Hoffnungslosigkeit. Im einen Moment pilgerte ich wie getrieben hin und her, dann wieder lag ich komplett regungslos auf dem Sofa und hatte keine Kraft mich zu bewegen. Ich sehnte mich nach Ausgeglichenheit und innerer Ruhe. Um wenigstens etwas (äußere) Ruhe zu bekommen, zog ich mich immer weiter von meinem sozialen Umfeld zurück. Das für mich Erschreckendste war, dass ich gerade erst aus einem zweiwöchigen Wander- und Zelturlaub zurück gekehrt war und die Symptome nicht, wie erhofft, verschwunden, sondern so stark wie nie zuvor waren.

Das monatelange Zusammenreißen machte alles noch schlimmer

Die Wochen vorher hatte ich nur noch die Zähne zusammengebissen und auf den Urlaub hingearbeitet. Denn das weiß man doch: wenn man richtig platt ist, dann hilft wegfahren und rauskommen und nach einem erholsamen Urlaub ist man fast ein neuer Mensch. Mein Körper und meine Psyche zeigten mir das genaue Gegenteil. Plötzlich kamen Suizidgedanken hoch, während ich eigentlich zur Ruhe hätte kommen sollen, weil ich mitten im schönen Bayerischen Wald wanderte, weit weg vom Alltag und in Begleitung meiner damals besten Freundin.

Der Wendepunkt

Im Anschluss an den Urlaub ging ich nicht ins Büro, sondern zum Arzt. Mein Hausarzt verordnete mit ein Antidepressivum und schrieb mich direkt für längere Zeit krank. Insgesamt wurden neun Monate daraus, bevor ich nach einem Aufenthalt in einer Reha-Klinik und einer Wiedereingliederung anfing wieder zu arbeiten.

Diese neun Monate waren so lang und gleichzeitig doch so schnell vorbei. Es gab viele Momente, wo ich wie in eine Wattewolke gepackt in meiner Wohnung saß, ohne Antrieb, ohne Kraft, ohne Ziel und ohne Hoffnung. Die innere Unruhe ließ einfach nicht nach, sodass auch mein Herzrasen nicht aufhörte. Doch langsam begriff ich die Zusammenhänge. Während ich in den vergangenen Monaten häufig fiebrige Magen-Darm-Infekte, Kopf- und Bauchschmerzen gehabt hatte, verstand ich nun, dass dies bereits erste Hilferufe meines Körpers gewesen waren, langsam mal etwas zurück zu treten und mehr auf mich zu achten. Doch ich wollte dies nicht eher erkennen und versuchte mich stattdessen zusammen zu reißen. Alle anderen Menschen bekommen ihr Leben doch auch auf die Reihe. Warum ich denn nicht? Vor der Diagnose „mittelschwere bis schwere Depression“ hatte ich angenommen, dass das alles von allein verschwinden würde. Getreu dem Motto: „Was von allein kommt, geht auch von alleine!“ Doch umso mehr ich versuchte mich zusammen zu reißen und die Symptome ignorierte, umso massiver wurden sie.

Ich bin nicht alleine mit meiner Depression

Ich las verschiedene Bücher und auf Internetseiten alles mögliche über diese für mich noch so unbekannte Krankheit. Aber die Depression lähmte meine Aufnahme- und Konzentrationsfähigkeit massiv. Diese minimale Belastbarkeit erschreckte mich, doch nach und nach verstand ich dank der unterschiedlichen Informationsquellen, welche Ausprägungen eine Depression haben kann und dass dies ein Teil davon war. Ich begriff, dass ich mit meinen Symptomen nicht allein war, sondern z. B. in Deutschland laut Studien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) etwa 5,2 % der Bevölkerung an Depressionen erkrankt sind. Weltweit sind es sogar 4,4 %. Auch die Suizidgedanken, die mich so erschreckten, sind weit verbreitet. In Deutschland nimmt sich alle 53 Minuten ein Mensch das Leben. Fachleute schätzen, dass es alle 5 Minuten jemand versucht. Auch wenn es unfassbar erscheint, sterben durch Suizide mehr Menschen als durch Verkehrsunfälle, Drogen und Aids zusammen.

Schritt für Schritt heraus aus dem Tief

In der akuten Phase meines ersten richtigen Tiefs habe ich vom Arzt ein Medikament (Antidepressivum) verordnet bekommen. Die regelmäßige Einnahme der Tabletten hat mir geholfen stabiler zu werden und einige Symptome abgeschwächt. Um nicht so schnell wieder in ein solches Tief abzurutschen, nahm ich das Antidepressivum etwa zwei Jahre und habe es erst dann mit ärztlicher Begleitung schrittweise abgesetzt.

Parallel lernte ich in einer tiefenpsychologischen Psychotherapie und anschließend in einer Verhaltenstherapie mich selbst besser zu verstehen, meinen Körper und seine Bedürfnisse wahrzunehmen, mein Verhalten zu hinterfragen und in vielen krankheitsfördernden Punkten zu verändern. Dies war ein langer Weg, der bis heute andauert. Gerade sehr eingefahrene Verhaltensweisen, die schon so viele Jahre ein Teil von mir waren, sind für mich schwierig zu ändern, auch wenn sie mir schaden. Doch mit Hilfe meiner Therapeuten fand ich den Weg aus dem ersten großen und allen folgenden kleineren Tiefs heraus. Die Suizidgedanken verschwanden, genauso wie die anderen Symptome, nach und nach.

Mit der Zeit lernte ich die Warnsignale meines Körpers kennen, sodass ich heute ein herannahendes Tief bereits erahnen und somit gegensteuern kann. Hierfür habe ich einige Versuche gebraucht. Ich bin noch ein paar Mal in ein Tief hineingeraten, weil ich es zwar erkannt habe, das aber entweder zu spät war oder ich einfach nicht die Kraft hatte gegenzusteuern. Nur, wenn ich ausreichend auf die Bedürfnisse meines Körpers und meiner Seele achte, kann ich dauerhaft ein ausgeglichenes, lebenswertes Leben führen.

Mein Hund Mina kam zum Ende meines Krankenscheines zu mir und begleitet mich seitdem auf meinem Weg. An Tagen, wo ich keine Menschen in meiner Nähe ertrage, ist sie an meiner Seite. Sie begleitet mich mit ihrer lebensbejahenden Art auf langen Wegen in der Natur, wo ich sehr gut runterfahren und abschalten kann. Außerdem hilft Mina mir auch auf die Kleinigkeiten des Alltages zu achten und mich über diese zu freuen.

Es geht weiter. Immer.

Die Depression ist eine chronische Krankheit und wird mich vermutlich noch viele Jahre meines Lebens begleiten. Doch sie ist nur ein Teil von mir, sie beherrscht mich nicht. Ich bin zuversichtlich, dass ich auf dem richtig Weg bin um weiterhin mit ihr Leben zu können, ohne dass sie mich zu sehr einschränkt und noch einmal eine solche Macht über mich erlangt.

Über die Autorin

Die 34-jährige Frauke Gonsior lebt seit 4,5 Jahren mit einer diagnostizierten Depression. Über ihren Alltag mit dieser chronischen Krankheit bloggt sie auf „Fräuleins wunderbare Welt“. So können ihre Leser an den vielfältigen Facetten ihres täglichen Erlebens teilhaben.

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