Hand in Hand mit der Angst – mein Leben mit Panikattacken

Lisa Falk
16. Mai 2019
Patientenblicke

Am Anfang war die PANIK

 

2010 hatte ich meine erste Panikattacke mit 17. Ich saß im stickig warmen Auto auf dem Heimweg von meiner zweiten Tanzprobe an einem heißen Sommertag.

Zu dieser Zeit trainierte ich neben der Schule 19 Stunden pro Woche in zwei verschiedenen Ballettschulen. Ich war ein glücklicher und sehr zielstrebiger Teenager, für den nichts unmöglich war. Kein Ziel war zu weit entfernt, kein voller Schultag konnte mich davon abhalten nicht noch meiner Leidenschaft des Tanzens anschließend bis spät abends nachzugehen. Nie war ich krank, wenn der Moment nicht der richtige war. Nicht einmal meine Tage bekam ich, wenn es unpassend war. Ich hatte alles und vorallem mich unter vollster Kontrolle.

 

Nun saß ich auf dem Beifahrersitz und verlor von einem Moment auf den anderen mein Urvertrauen in meinen Körper. Ich bekam keine Luft mehr, mir wurde schwindelig, das Herz raste und die Hitze schien unerträglich. Der nicht enden wollende Adrenalin-Kick, den ich verspürte, gab mir das Gefühl, ich würde jede Sekunde sterben. Nach einem drei Tage langen Krankenhausaufenthalt stand fest, ich hatte einen Ermüdungsbruch – neudeutsch ein Burnout – erlitten und mein Gleichgewichtssinn war durch den Stress gestört.

 

Tiefphase

 

Mein Körper hatte nach jahrelanger Überlastung beschlossen, mir meine Kontrolle zu entziehen und von nun an selber dafür zu sorgen, die Ruhe zu bekommen, nach der er sich so lange sehnte. Die Konsequenz waren zehn Wochen Bettruhe. Ich verließ das Haus nur sehr selten und fürchtete mich auch nur einen Schritt vor die Tür zu setzen – aus Angst, die primäre Panikattacke könnte mich erneut in diese Todesangst versetzen. Die starke, selbstbewusste, belastbare Lisa wurde zu einer verängstigen, labilen jungen Frau, die anfing, sich immer mehr in sich selber einzusperren.

Ich fühlte mich zusehends nervöser, depressiver und dachte: Nun frisst mich die Angststörung, und somit die Angst vor der finalen Panik, von innen auf. Meinem Umfeld und auch mir wurde klar: Ich brauche dringend Hilfe. Ich began mit einer Verhaltenstherapie gepaart mit einer medikamentösen Behandlung in Form von Antidepressiva. Ich hatte einen solchen Tiefpunkt erreicht, dass mir die Medikamente halfen beim täglichen Kampf gegen die Panik wieder einen Boden unter den Füßen zu spüren.

Der Elefant und der Reiter – Umgang mit der Angststörung

 

Mein Zuhause war der einzige Ort, an dem ich endlich wieder innere Ruhe fühlte und mit jedem Meter, den ich mich von ihm entfernte, spürte ich mehr Angst vor der Panik. Die Angst, dass ich im Falle einer Panikattacke nicht schnell genug wieder in die sicheren vier Wände flüchten kann, beherrschte mich. Die Therapie half mir diese täglichen Kämpfe zur Schule, zum Einkaufen, zum Treffen mit Freunden zu analysieren. Was macht mir genau Angst? Was könnte mir im schlimmsten Fall passieren?

 

Wie kann ich mir mit Leitsätzen in Momenten der Panik, in denen ich jeden Funken Realität aus den Augen verliere, die Gedankenspirale durchbrechen. Mein Körper spielte mir in angespannten Situationen unter anderem ernst zunehmende körperliche Symptome, wie Übelkeit, Ohnmacht, vollkommene Übermüdung, Durchfall und Brustschmerzen vor. Jede Aktivität nach meinem Burnout, die ich meisterte, wurde ein kleines “erstes Mal”. Ich lernte über die Metapher von dem Psychologieprofessor Jonathan Haidt, die von einem Elefant und einem Reiter spricht.

 

Der Elefant steht für das limbische System in unserem Gehirn, das für die Verarbeitung von Emotionen zuständig ist und der Reiter, der für den Neocortex steht und für die Logik verantwortlich ist. Mein Elefant war sehr stur, gebrandmarkt von all den negativen Emotionen und der Angst, die ihn in den kleinsten Stresssituationen zur Flucht antrieb. Es galt also meinen inneren Reiter, mit so viel Wissen, wie möglich zu nähren, um den Elefanten in der Panik nicht überhandnehmen zu lassen und von der Kursänderung abzuhalten. Mir wurde klar, wenn ich den Elefanten mit positiven Gefühlen, nach erfolgreich gemeisterten Situationen füllen konnte, verstand er, dass keine wirkliche Gefahr drohte. Auch die Tatsache, dass mein Umfeld, in dem ich mich bewegte Bescheid wusste, half mir sehr. Mein Elefant war sich sicher: Keiner würde mich verstehen – jedoch war das Gegenteil der Fall. Ich war auf einmal nicht mehr allein mit der Angst.

 

Aufstieg

 

Stück für Stück eroberte ich mir mein Leben zurück! Ein langer, sehr harter, jedoch auch lehrreicher Weg lag vor mir. Die wirklichen Freunde kristalisierten sich nach und nach heraus. Ich verstand, dass das primäre Burnout und die Panik meine innere Notbremse waren. Ich lernte mich und mein Leben ganz anders zu schätzen.

Ich würde mich immer noch als extrem zielstrebig beschreiben, jedoch habe ich heute ein ganz anderes Gefühl für mein Wohlbefinden und wenn die Panik wieder näher rückt, weiß ich, dass es Zeit ist, einen Gang zurück zufahren.

 

 

Über die Autorin

2014 entschied Lisa mit ihrer Angststörung offen umzugehen und drehte auf ihrem YouTube Kanal “LisaLeeofficial” ihr erstes Video zum Thema Panikattacken und Depressionen. Hier gibt sie dem Zuschauer einen Einblick in den täglichen Kampf mit einer Angststörung und half durch den offenen Umgang damit nicht nur sich sondern auch tausenden von Zuschauern. Das Burnout und die Zeit danach erlebt sie als einen neuen Lebensabschnitt und findet sich in der Make-up Artistry. Heute führt sie erfolgreich ihren eigenen Beauty Salon.

 
 
 
 
 

Beiträge, die durch die Rubrik Patientenblicke gekennzeichnet sind, geben die Meinung des jeweiligen Autors und nicht immer die Meinung der Mediteo GmbH wieder. Patientenblicke dient lediglich dazu, verschiedene Sichtweisen und Meinungen von Betroffenen und Angehörigen aufzuzeigen und Einblicke in deren Lebenssituation zu ermöglichen.

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