Wenn über Longevity gesprochen wird, stehen häufig neue Wirkstoffe, Biomarker, Präventionsprogramme oder technologische Innovationen im Mittelpunkt. Für viele Menschen entscheidet sich ein langes Leben in guter Gesundheit jedoch an einer weniger spektakulären Stelle: im täglichen Umgang mit gesundheitlichen Routinen, chronischen Erkrankungen und Medikamenten.

Healthy Longevity hingegen bedeutet nicht nur, die Lebenszeit zu verlängern. Im Vordergrund steht die Frage, wie lange Menschen ihre Funktionsfähigkeit, Selbstständigkeit und Lebensqualität erhalten können. Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt gesundes Altern entsprechend als einen Prozess, bei dem die funktionalen Fähigkeiten entwickelt und erhalten werden, die Wohlbefinden im höheren Lebensalter ermöglichen.

Für Pharmaunternehmen erweitert sich damit der Blick. Neben der Entwicklung wirksamer Therapien wird zunehmend relevant, wie sich Behandlungen über viele Jahre hinweg möglichst selbstverständlich in den Alltag von Patientinnen und Patienten einfügen lassen, ohne ihn unnötig zu belasten. Um diese Perspektive besser zu verstehen, braucht es ergänzende Einblicke in den Gesundheits- und Therapiealltag von Patientinnen und Patienten.

 

Healthy Longevity ist mehr als Anti-Aging

In der öffentlichen Wahrnehmung wird Longevity häufig mit Anti-Aging-Angeboten, Nahrungsergänzungsmitteln oder experimentellen Interventionen verbunden. Gleichzeitig ist die Biologie des Alterns ein etabliertes Forschungsfeld, das die zellulären und molekularen Mechanismen von Alterungsprozessen untersucht und nach Ansatzpunkten sucht, diese zu beeinflussen. Healthy Longevity erweitert diese Perspektive um die Frage, wie Menschen in ihrem Lebensverlauf möglichst lange gesund und selbstbestimmt leben können.

Healthy Longevity umfasst unter anderem:

  • die Prävention vermeidbarer Erkrankungen,

  • die frühe Erkennung gesundheitlicher Risiken,

  • die langfristige Kontrolle chronischer Erkrankungen,

  • den Erhalt körperlicher und kognitiver Funktionen,

  • die Förderung von Selbstständigkeit und Lebensqualität,

  • eine Versorgung, die sich an veränderte Bedürfnisse im Lebensverlauf anpasst.

Damit ist Healthy Longevity nicht nur ein Thema für die Altersmedizin. Viele der Faktoren, die Gesundheit im höheren Lebensalter beeinflussen, entwickeln sich bereits über Jahrzehnte.

Kardiometabolische Erkrankungen, chronische Atemwegserkrankungen, Autoimmunerkrankungen oder psychische Belastungen beginnen häufig lange vor dem Rentenalter. Ihre langfristigen Folgen hängen unter anderem davon ab, wie früh sie erkannt, wie kontinuierlich sie behandelt und wie gut Patientinnen und Patienten im Alltag unterstützt werden.

Healthy Longevity wird daher nicht allein durch Prävention und medizinische Innovationen geprägt. Wo Erkrankungen bereits bestehen, können eine wirksame langfristige Behandlung und ein gutes Krankheitsmanagement dazu beitragen, Krankheitsfolgen zu begrenzen und Lebensqualität zu bewahren.

 

Healthy Longevity wird im Alltag mitgestaltet

Patientinnen und Patienten verbringen nur einen kleinen Teil ihrer Zeit in Arztpraxen, Apotheken oder Kliniken. Gesundheit wird jedoch vor allem im Alltag gestaltet. Das betrifft gesundheitsfördernde Routinen und den Umgang mit Risikofaktoren ebenso wie das Krankheits- und Medikationsmanagement bei bereits bestehenden Erkrankungen.

Dort entstehen praktische Fragen:

  • Wie lassen sich gesundheitsfördernde Routinen langfristig in den Alltag integrieren?

  • Wie können gesundheitliche Veränderungen frühzeitig wahrgenommen und eingeordnet werden?

  • Wie lässt sich eine Therapie mit Beruf, Familie oder Reisen vereinbaren?

  • Wie gelingt der Umgang mit mehreren Medikamenten oder zunehmender Therapiekomplexität?

  • Wie verändern sich Informations- und Unterstützungsbedürfnisse mit Alter, Lebenssituation und Gesundheitszustand?

Diese Situationen lassen sich nicht vollständig durch eine einzelne Verordnung oder einen punktuellen Arztkontakt abbilden. Sie machen deutlich, warum langfristige Versorgung nicht nur aus bewussten medizinischen Entscheidungen besteht, sondern auch aus Orientierung, Gesundheitskompetenz und wiederkehrenden Routinen.

Für Pharmaunternehmen stellt sich damit die Frage, wie Therapien und begleitende Angebote auch über längere Zeiträume hinweg relevant und alltagstauglich bleiben. Langfristige Versorgung bedeutet deshalb auch, den Alltag von Patientinnen und Patienten stärker in den Blick zu nehmen.

 

Patient Activation ist nicht dasselbe wie Adhärenz

Im Kontext von Healthy Longevity ist Patient Activation relevant, weil Menschen über viele Jahre hinweg – bewusst oder unbewusst – zahlreiche gesundheitsbezogene Entscheidungen selbst treffen. Patient Activation beruht darauf, dass Menschen über das Wissen, die Fähigkeiten und das Vertrauen verfügen, ihre eigene Gesundheit und Versorgung aktiv mitzugestalten.

Dazu kann gehören, gesundheitliche Veränderungen wahrzunehmen, Informationen einzuordnen, Fragen zu stellen, gesundheitsfördernde Routinen zu entwickeln und sich an Therapieentscheidungen zu beteiligen. Auch die Adhärenz kann mit Patient Activation zusammenhängen: Wer sich informiert und kompetent in die eigene Versorgung einbringen kann, verfügt über wichtige Voraussetzungen, um Therapieentscheidungen zu verstehen und im Alltag umzusetzen. Ob eine Therapie wie vorgesehen angewendet wird, hängt nämlich ebenfalls von vielen Faktoren ab, etwa von:

  • der wahrgenommenen Notwendigkeit der Behandlung,

  • möglichen Nebenwirkungen,

  • der Komplexität des Medikationsplans,

  • persönlichen Überzeugungen und Erfahrungen,

  • finanziellen oder organisatorischen Belastungen,

  • Gesundheitskompetenz und Verständlichkeit der Informationen,

  • der Beziehung zu behandelnden Fachpersonen.

Eine patientenzentrierte Strategie sollte deshalb nicht allein darauf abzielen, ein bestimmtes Verhalten einzufordern. Zunächst gilt es zu verstehen, welche Hürden bestehen und welche Form der Unterstützung in einer konkreten Situation angemessen ist.

Gerade bei langfristigen Therapien verändert sich dieser Bedarf. Eine Person, die gerade eine Diagnose erhalten hat, benötigt möglicherweise andere Informationen als jemand, der bereits seit zehn Jahren mit derselben Erkrankung lebt.

 

Langfristige Versorgung braucht kontinuierliche Kontaktpunkte

Traditionelle Versorgung ist häufig ereignisbezogen organisiert: Diagnose, Verordnung, Kontrolltermin, Therapieanpassung. Dazwischen liegen jedoch oft Wochen oder Monate, in denen Patientinnen und Patienten ihre Therapie weitgehend selbstständig managen. Diese Lücken sind auch ungenutztes Potenzial für Healthy Longevity-Ansätze.

Fortlaufende digitale Angebote können hier zusätzliche Kontaktpunkte schaffen. Sie ersetzen keine medizinische Versorgung, sondern ergänzen diese mit Informationen und organisatorischer Unterstützung im Alltag.

Die Medikations-App mediteo unterstützt Nutzerinnen und Nutzer beispielsweise dabei, ihre Medikamente zu organisieren, Einnahmezeiten im Blick zu behalten und gesundheitsbezogene Angaben zu dokumentieren. Sie bietet außerdem Aufklärungsformate zur routinierten Anwendung der Therapie sowie zu Erkrankungen und Physiologie. Entscheidend ist dabei nicht allein eine einzelne Funktion, sondern die kontinuierliche Präsenz im Medikationsalltag.

Zugleich können durchgängige digitale Kontaktpunkte in Kombination mit Data Analytics helfen, den Versorgungsalltag aus Patientensicht besser zu verstehen. Relevant ist beispielsweise, in welchen Therapiephasen besonderer Informations- oder Unterstützungsbedarf besteht, welche Herausforderungen bei komplexen Medikationsplänen auftreten und wie sich Bedürfnisse im Krankheitsverlauf verändern. Ebenso stellt sich die Frage, welche Informationen tatsächlich verstanden und als hilfreich wahrgenommen werden. Welche Datenquellen geeignet sind, um solche Fragestellungen zu untersuchen, hängt dabei wesentlich von der jeweiligen Forschungsfrage ab.

 

Patientenbedürfnisse sind nicht statisch

Nicht nur die einzelnen Kontaktpunkte, auch die Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten verändern sich über die Zeit. Gerade bei chronischen Erkrankungen verlaufen Patient Journeys selten linear: Lebensumstände verändern sich, weitere Erkrankungen können hinzukommen und Medikationspläne komplexer werden. Gleichzeitig können Motivation, Gesundheitskompetenz und digitale Fähigkeiten schwanken.

Patient Journeys sollten deshalb nicht nur bis zum Therapiebeginn oder zur ersten Kontrolle betrachtet werden. Im weiteren Verlauf können neue Informations- und Unterstützungsbedürfnisse entstehen, etwa bei Therapieänderungen, zunehmender Multimorbidität oder veränderten Lebensumständen. Auch Angehörige oder andere betreuende Personen können mit der Zeit eine größere Rolle übernehmen.

Für eine langfristige Patientenbegleitung sind daher Angebote gefragt, die unterschiedliche Bedürfnisse und Lebensphasen berücksichtigen und sich an Veränderungen im Therapieverlauf anpassen lassen. Dazu gehört auch, unterschiedliche Gesundheits- und Digitalkompetenzen mitzudenken und Informationen sowie digitale Angebote entsprechend zugänglich und verständlich zu gestalten.

Für Healthy Longevity ist diese Dynamik besonders relevant, weil sich gesundheitliche Voraussetzungen, Lebenssituationen und Unterstützungsbedarfe über viele Jahre hinweg verändern können.

 

Versorgung verstehen: Datenquellen gezielt kombinieren

Markt- und Versorgungsdaten können wichtige Muster sichtbar machen. Sie zeigen beispielsweise, welche Therapien eingesetzt werden, wie sich Verordnungen entwickeln oder an welchen Stellen Wechsel und Unterbrechungen auftreten.

Solche Daten können damit Hinweise darauf geben, was im Versorgungsgeschehen passiert. Die Gründe hinter den beobachteten Mustern lassen sich daraus jedoch nicht immer ableiten. Eine Therapieunterbrechung kann beispielsweise medizinische, persönliche oder organisatorische Gründe haben. Umgekehrt sagt eine kontinuierliche Verordnung nicht automatisch aus, wie eine Therapie im Alltag erlebt wird.

Genau hier lohnt sich der Blick auf unterschiedliche Datenquellen: Anhand von Gesundheitsmarkt-, Verordnungs-, Patienten- und Versorgungsdaten aus Apotheken und Arztpraxen kann Insight Health tiefgehende Analysen durchführen und Erkenntnisse durch langjährige Expertise herauskristallisieren. Damit lassen sich strukturelle Entwicklungen, Therapiepfade und Unterschiede zwischen Regionen, Zielgruppen oder Facharztgruppen detailliert untersuchen. In Kombination mit Verhaltensanalysen mithilfe von Real-World Daten aus dem Patientenalltag und direkten Patientenumfragen mit mediteo lässt sich die Versorgung sowohl in Gesundheitseinrichtungen als auch im Alltag der Menschen differenzierter betrachten.

Für Fragestellungen rund um Healthy Longevity sind beide Perspektiven relevant, da sich gesundheitliche Bedürfnisse und Versorgungssituationen über lange Zeiträume verändern können. Je nach Fragestellung können sie unterschiedliche Aspekte dieser Entwicklung sichtbar machen:

 

Versorgungsperspektive

Patientenperspektive

Welche Therapien werden verordnet?

Welche Informationen werden benötigt?

Wann treten Wechsel oder Unterbrechungen auf?

Welche Hürden werden im Alltag wahrgenommen?

Welche Unterschiede bestehen zwischen Regionen?

Wie unterscheiden sich Bedürfnisse zwischen verschiedenen Patientengruppen?

Wie entwickeln sich Therapiepfade?

Wie verändert sich der Unterstützungsbedarf über die Zeit?

 
 

Aus der Betrachtung unterschiedlicher Datenquellen entsteht jedoch nicht automatisch belastbare Evidenz. Welche Erkenntnisse sich ableiten lassen, hängt wesentlich von der Forschungsfrage, der jeweiligen Datenquelle, der untersuchten Population und dem Studiendesign ab. Bei Insight Health werden entsprechende Lösungen rund um Real-World Daten unter dem Begriff Real-World Insights gebündelt. Entscheidend ist dabei nicht nur die Menge verfügbarer Daten, sondern auch ihre Eignung für die jeweilige Fragestellung.

Markt- und Versorgungsdaten, Befragungen und digitale Nutzungsdaten bilden unterschiedliche Ausschnitte des Versorgungsgeschehens ab und bringen jeweils eigene methodische Grenzen mit sich. So sind Nutzende einer App beispielsweise nicht automatisch repräsentativ für die gesamte Patientenpopulation, während Verordnungsdaten allein wenig darüber aussagen, wie eine Therapie im Alltag erlebt wird. Datenqualität, mögliche Selektionsverzerrungen sowie Anforderungen an Datenschutz, Einwilligung und Zweckbindung sollten deshalb passend zur jeweiligen Datenquelle und Forschungsfrage von Beginn an berücksichtigt werden.

 

Vier Konsequenzen für Pharmaunternehmen

Eine Healthy Longevity-Perspektive erweitert die klassische Therapiesicht: Neben Prävention und Gesundheitserhalt geht es bei bereits bestehenden Erkrankungen auch darum, Krankheitsfolgen langfristig zu begrenzen und ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu unterstützen.

  1. Gesundheit und Versorgung im Alltag zusammendenken
    Gesundheit wird nicht nur in medizinischen Einrichtungen beeinflusst. Arbeitsleben, Familie, Mobilität, Gesundheitskompetenz und persönliche Routinen prägen den Umgang mit der eigenen Gesundheit. Bei bestehenden Erkrankungen beeinflussen diese Faktoren zugleich, wie gut sich Therapien und das Krankheitsmanagement in den Alltag integrieren lassen.
  2. Über den Therapiebeginn hinausdenken
    Patientenprogramme und Kommunikationsangebote sollten nicht mit den ersten Wochen nach einer Verordnung enden. Auch im weiteren Therapieverlauf können Situationen entstehen, in denen Orientierung oder Unterstützung gefragt ist, etwa bei Therapieanpassungen, Nebenwirkungen oder einer zunehmenden Behandlungskomplexität. Entscheidend ist daher, relevante Kontaktpunkte auch über den Therapiebeginn hinaus mitzudenken.
  3. Unterschiedliche Bedürfnisse berücksichtigen
    Was im Alltag hilfreich ist, unterscheidet sich von Person zu Person. Lebenssituation, Gesundheitskompetenz, Therapieerfahrung oder individuelle Belastungen können beeinflussen, welche Informationen und welche Form der Unterstützung benötigt werden. Patientenangebote sollten diese Unterschiede berücksichtigen, statt von einem einheitlichen Bedarf auszugehen.
  4. Datenquellen nach der Fragestellung auswählen
    Nicht jede Frage erfordert dieselben Daten. Versorgungsanalysen, qualitative Forschung, Befragungen, Patient Reported Outcomes und digitale Nutzungsdaten eröffnen unterschiedliche Perspektiven und haben jeweils eigene Stärken und Grenzen. Ausgangspunkt sollte daher nicht sein, welche Daten verfügbar sind, sondern welche konkrete Frage beantwortet werden soll.

Für Fragestellungen rund um Healthy Longevity ermöglicht die Zusammenarbeit von Insight Health und mediteo, den Gesundheitsmarkt und die Versorgung ebenso in den Blick zu nehmen wie den Gesundheits- und Medikationsalltag von Patientinnen und Patienten.

Denn Healthy Longevity wird zwar in Jahren gemessen. Unterstützt wird sie jedoch Tag für Tag.

 

Literatur und weiterführende Quellen