Alles Pillepalle? Medikamente in der ADHS-Therapie

Dr. Mark Heidrich, Dipl.-Soziologe, Familientherapeut und Supervisor (SG)
28. Juni 2019
Patientenblicke

Der Deutsche meckert gern

Wir Deutschen diskutieren ja gerne. Oder besser gesagt, wir sagen gerne unsere Meinung. Und wir beschweren uns dann mit Vorliebe über die falschen Dinge: Wir meckern über die 2% der Schüler, die freitags, statt was Richtiges zu lernen, lieber vergnügt für ein besseres Klima demonstrieren. Viel sinnvoller wäre es, sich darüber aufzuregen, dass Deutschland die selbstgesteckten Klima-Ziele krachend verfehlen wird. Wir schimpfen im Diesel-Skandal über die kriminellen Machenschaften der Automobilindustrie und fahren dennoch mit unseren SUVs in die Innenstädte – mit Wagen die mal locker 12 bis 14 Liter und mehr verbrauchen.

 

Das ist leider beim Thema ADHS ganz genauso. Die Debatte um die Aufmerksamkeitsdefizit-Störung wird ja geradezu argwöhnisch danach betrachtet, ob sich einer für oder gegen Medikamente ausspricht. Wer das tut, darf gleich mal mit einem Shit-Storm rechnen, weil er die armen Kinder gnadenlos „ruhig stellt“. Und wer solches macht, der geht auch bei Rot über die Ampel oder nimmt sich die letzte Bratwurst vom Grill. Ist doch wahr!

 

Schön wäre es, wenn wir die Debatte mal auf die Dinge beschränkten, die wir wirklich wissen über ADHS-Medikamente: Der bekannteste Wirkstoff heißt Methylphenidat (MPH) und wurde zum ersten Mal in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts hergestellt. Bekannt wurde er unter dem Namen Ritalin und war ein Mittel gegen Depressionen bei Erwachsenen. Heute gibt es viele Arzneimittel mit diesem speziellen Wirkstoff. Ritalin hat eine ähnliche Geschichte hinter sich wie „Aspirin“ oder „Tempo“-Taschentücher. Der Name steht für ein Produkt.

Contra Methylphenidat

Keiner wird bestreiten, dass viel zu viel MPH verschrieben wird (2017 waren es 52 Millionen Tagesdosen, Tendenz erfreulicherweise fallend!) und dass jedes Kind, das nicht fünf Minuten begeistert Hausaufgaben macht, sofort im Verdacht steht ADHS zu haben. Es gibt – nach meinem Wissen – keine Studie, die belegt, dass MPH völlig unbedenklich ist. Kritiker merken zudem zu Recht an, dass mancher Arzt es bereitwillig verschreibt, aber nicht sorgsam genug mit der Dosierung umgeht (zu hoch, zu lang!).
Darüber kann man sich mal Sorgen machen und darüber sollte man ernsthaft diskutieren!

Pro Methylphenidat

Andererseits gibt es viele gute Nachrichten über MPH: Es ist erstens wirklich wirkungsvoll. Etwa ¾ der Patienten reagieren positiv darauf! Etwa die Hälfte der jungen Patienten erhält es nur während der Schulzeit und die Mehrheit sogar nur für einen kurzen Zeitraum, also unter 12 Monaten!
Mir ist in den ganzen Jahren noch kein Elternteil untergekommen, das nicht Sorge hatte, das Medikament könnte schädlich sein für das Kind. Eltern gehen keineswegs sorglos damit um und feiern das „chemische Doping“ ihrer Kinder.

Aber die meisten freuen sich darüber, wenn aus der Schule plötzlich positive Nachrichten kommen; das Kind berichtet häufig davon, dass es Lernerfolge erziele und das Gefühl im Grunde „doof zu sein“ verschwunden sei.

Meckern ist der Hammer!

Wenn Sie jetzt immer noch strikt gegen den Einsatz von Medikamenten sind, dann machen Sie doch Folgendes: Nehmen Sie sich einen Hammer, legen Ihren rechten Daumen (für Linkshänder!) auf die Tischkante und hauen Sie mit dem Hammer ordentlich drauf. Und dann warten Sie gelassen bis die körpereigenen Schmerzmittel (Enkephaline, Endorphine, Dynorphine) ihre Arbeit aufnehmen. Dauert ein bisschen, klappt aber! Sie können natürlich ganz clever sein, und ein Kühlpack aus dem Eisfach auf den Daumen legen. Die Neunmalklugen gehen zusätzlich noch zum Medizinschrank und werfen sich eine Aspirin (oder was ähnliches) ein.

Und genauso funktioniert gute ADHS-Therapie: Selbstheilungskräfte der Familie aktivieren, bisschen Psychoedukation und Elterntraining – die mentale kühle Kompresse – und ggfs. auch Medikamente.

Besser so?

Und wenn Sie das nächste Mal an der Kasse im Supermarkt stehen und vor Ihnen das erzieherische Inferno ausbricht, meckern Sie die Mutter (oder den Vater) nicht an: „Sie müssten konsequenter werden!“ Sondern lächeln Sie und sagen Sie zu den Eltern: „Mensch, Sie haben ja Nerven wie Drahtseile! Respekt!!“
Und hören Sie auf zu meckern. – Ist auch besser für Ihren Blutdruck!

Über den Autor

Dr. Mark Heidrich, Dipl.-Soziologe, Familientherapeut und Supervisor (SG). Langjährige Erfahrung in der Behinderten- und Kinder- & Jugendhilfe; mehrere Lehraufträge an verschiedenen Hochschulen,in freier Praxis als Elterntrainer und in der Erwachsenenbildung. Außerdem ist er Blogger und der einzige ADHS-Kabarettist Deutschlands.

 

 

Beiträge, die durch die Rubrik Patientenblicke gekennzeichnet sind, geben die Meinung des jeweiligen Autors und nicht immer die Meinung der Mediteo GmbH wieder. Patientenblicke dient lediglich dazu, verschiedene Sichtweisen und Meinungen von Betroffenen und Angehörigen aufzuzeigen und Einblicke in deren Lebenssituation zu ermöglichen.

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